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Kunst und Natur: ist nicht die gesamte Kunstgeschichte von dieser Dualität durchzogen? Von der Felsmalerei über die zum Denken anregenden Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts, reizvolle neue Materialien bis hin zur Land Art. Die Natur mit ihren Erscheinungsformen, die Rohstoffe und ihre Farben: das sind die Elemente, die ein Künstler aus- und umarbeitet und nach menschlichen, ästhetischen und emotionalen Kriterien gestaltet. Somit werden Stein und Holz von Künstlern nicht nur aufgrund ihrer charakteristischen Eigenschaften verwendet, wie dies vielleicht Architekten oder Schreiner tun würden, sondern wegen ihrer ästhetischen Erscheinung, ihrer Farben und aufgrund der zusätzlichen, vom Zufall geschaffenen Eigenschaften. Gestörter Faserverlauf, Brandflecken und Astigkeiten: dies sind alles bei der Verarbeitung entstandene Makel; der Künstler aber weiß diese zu schätzen und sorgsam auszuwählen. Symbolträchtige, beliebte Blumen wie zum Beispiel Sonnenblumen, die an sich schon die malerische Fantasie beflügeln und eine mimetische Form besitzen (eine kleine Sonne, welche auf natürliche Weise durch die Pflanzen-DNS entsteht), sind an sich schon ein Kunstwerk, ein Symbol, das nichts suggeriert, sondern erklärt und deklariert.
Die so komplex beschaffenen Blumen werden von Maurizio Boschetti komplett und mitsamt den Blättern getrocknet und quasi im Urzustand verwendet. In diesem für sie so typischen, kurzlebigen, flüchtigen Stadium, in dem sie konserviert werden und die bleibende visuelle Struktur eines Kunstobjektes erhalten, werden sie also zu Kunst, und zwar nicht gemäß antiker Mythologie, sondern durch einen seit Jahrtausenden verwendeten Brauch, bei dem sie naturbelassen bleiben und die Veränderung durch Menschenhand äußerst gering gehalten wird.
Die Blumen, wie z.B. Margeriten, werden zusammen mit echtem Gras, welches eine Blumenwiese darstellen soll, zwischen Holz und Glas gebettet. Das Glas nimmt sie auf, schließt sie ein, ohne ihnen dabei die Aufmerksamkeit zu stehlen. Es wirkt als Stütze, wie Leinen in einem Gemälde. Das Holz dient als großer, grundlegender anschaulicher Rahmen: lebendig, alt, gebraucht und porös steht ihm neben den Blumen eine Hauptrolle zu. Holz, auf dem sowohl die Spuren der Zeit als auch der Menschheit sichtbar sind. Es wurde handgefertigt, war Teil eines Gebrauchsgegenstands: sein Nutzen hat es gezeichnet. Jetzt zeigt es Anzeichen seines vorherigen Lebens, als Baum, dann als Einrichtungsgegenstand. Erst jetzt wird es liebevoll zusammengestellt und angeordnet, um (vielleicht…) zum letzten Mal eine Existenz als Kunstobjekt zu fristen, als Bote der Schönheit und der Gefühle.
Der Eingriff des Künstlers in die benutzten Materialien ist also minimal. Er wählt sie lediglich aus und stellt sie zusammen: die Materialien sprechen für sich selbst. Auch der Verfasser möchte nicht viele Worte machen, denn ihm scheint, dass durch zu viele Worte der Wert dieser Werke geschmälert würde. Werke, welche mit leiser Stimme präsentiert werden, als künstlerisches Handwerk, welches wir als Handwerkskunst definieren möchten ( Vittorio di Firenze).